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02. Was unsere Lektoren mit Texten tun.

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• Von Lektoren, Admins & Autoren
27.07.2018 13:59
von Evelucas • 219 Beiträge | 445 Punkte




Beitrag, Originaltext, von Maria & Kristine. Unser Lektoren-Duett.
Von Evelucas aus dem Vorgänger-Forum importiert.



Was unsere Lektoren mit Texten tun

Ein paar Tipps vorab, was ihr selbst zur Überprüfung eurer Texte tun könnt:

Sucht euch zuerst ein paar Beta-Leser aus eurem Umfeld. Das müssen keine Profis sein.
Es reicht, wenn sie gerne lesen und sich ein bisschen mit Rechtschreibung/Grammatik auskennen. Damit kann man sich im Vorfeld gut rüsten.


Trotz Freunde, und Familienmitglieder, sollte sich ein Autor immer zusätzliche Hilfe für ein Lektorat nehmen.
Ein Lektor ist nämlich kein Freund - und das ist auch gut so. Denn Freunden fällt es oft schwer, deutlich auszusprechen, was am Text nicht stimmig ist.

Die Aufgabe eines Lektorats besteht darin, das Werk eines Autoren zu optimieren. Er ist der Feinmechaniker der Texte und bemüht sich, Unstimmigkeiten zu entdecken und zu verbessern. Das muss dem Autoren manchmal nicht gefallen, sollte aber ein Anreiz sein, sich den eigenen Text auch nochmal aus einer anderen Sichtweise mal genauer durchzulesen.

Autoren sind oft betriebsblind, erkennen Unstimmigkeiten nicht oder übersehen kleinere Fehler, da sie natürlich persönlich involviert sind und deshalb oft eine ganz andere Sichtweise auf ihre Geschichte haben. Genau so passiert es daher auch, dass sie wichtige Dinge überlesen.

Doch ganz klar:
Das Werk ist immer "das Baby" des Autoren, und welche Eltern sehen es schon gerne, wenn ihre, für sie perfekten Kinder, plötzlich von Fremden kritisiert werden?

Genau deswegen ist es daher auch umso wichtiger, zu verstehen, dass man gemeinsam ein Ziel erreichen möchte.

Ein weiteres Problem macht auch noch unser Kopf.
Vieles überlesen wir schon deshalb, da unser Gehirn so konstruiert und auch trainiert ist, Falsches automatisch für unsere Augen zu korrigiern.
Ein Beispiel dafür: Wer hat den fehlenden Buchstaben im zweiten Satz dieses Absatzes (letztes Wort vor dem Punkt) sofort entdeckt? *gg*

Daran erkennt man bereits, wie viel Konzentration und Arbeit, es nun mal beiden Seiten abverlangt, um wirklich gründlich sein zu können.
Und natürlich sind auch wir dahingehend nicht vor Fehlern gefeit, auch wir übersehen mal etwas.

Folgendes sollte daher immer im Auge behalten werden:
1. Autoren sind Menschen,
2. Lektoren sind Menschen,
3. irren ist menschlich,
4. und wir sind alle nicht perfekt.

100 %ige Fehlervermeidung kann niemand garantieren, aber versuchen kann man es zumindest.



Jetzt zu unserer Tätigkeit:
Unser Team arbeitet in mehreren Durchgängen - hier sind die drei Hauptdurchgänge mit zusätzlichen Beispielen und Infos.

1. Durchgang:
Pürfung, ob der Inhalt des Textes ausgewogen ist.

Bedeutet:
° Zieht sich der Spannungsbogen ausgewogen durch die Storyline?
° Ist die Handlung logisch?
° Stimmt das Timing?
° Handeln die Figuren immer so, wie es zu ihnen passt?



Beispiele Logik/Timing:

Frage: Ein kurzer Dialog mitten in der Nacht - kann da die Morgendämmerung hereinbrechen?
Antwort: Nein - kurze Dialoge in der Nacht, können natürlich nicht bis zum Morgen andauern.

Frage: Wenn derselbe Weg vom Haus in den Wald, einmal zehn Minuten dauert, kann er dann beim nächsten Mal plötzlich dreißig Minuten dauern?
Antwort: Nein - natürlich nicht. Sofern dem Protagonisten nichts weltbewegendes auf ein und demselben Weg von A nach B passiert ist, kann der Weg nicht plötzlich 30 Minuten statt 10 Minuten dauern.

Beispiele Spannungsbogen und das Handeln der Figuren:

Frage:
Welche Version der folgenden Szene, stellt die Reaktion der handelnden Figuren am natürlichsten, passend und spannendsten da?

01:
"Psst, bitte leise reden", wisperte sie ihrer Freundin zu. "Er ist in letzter Zeit immer so wütend und schrecklich aufbrausend. Ich weiß nicht warum er derzeit so drauf ist, doch manchmal krieg ich richtig Angst. Deswegen kann ich es ihm einfach noch nicht sagen."
Da stand ihr Mann auch schon in der Küche und musterte sie eingehend.
"Na, verheimlichst Du mir schon wieder etwas, oder warum genau flüstert Du so mit deiner Freundin?, wollte er sofort wissen.
Die beiden Frauen warfen sich einen kurzen Blick zu.
"Ähm ..., aber nein mein Liebling. Du weißt doch, dass ich Dir nie etwas verheimlichen würde", antwortete seine Frau schnell.
"Na dann ist's ja gut", schon verließ er die Küche auch wieder.

02: "Psst, bitte leise reden", wisperte sie ihrer Freundin zu. "Er ist in letzter Zeit immer so wütend und schrecklich aufbrausend. Ich weiß nicht warum er derzeit so drauf ist, doch manchmal krieg ich richtig Angst. Deshalb kann ich es ihm einfach noch nicht sagen."
Da stand ihr Mann auch schon in der Küche und musterte sie misstrauisch.
"Warum genau flüstert Du mit deiner Freundin? Was verheimlichst Du mir?, verlangte er schroff zu wissen.
Die beiden Frauen warfen sich einen ertappten Blick zu.
"Ähm ..., nicht doch, Liebling. Ich würde Dir nie etwas verheimlichen", die angespannte Antwort kam jedoch einen Tick zu schnell.
Verunischert behielt sie ihren Mann deshalb im Blick.

"Na gut, dann eben nicht", kam da nun von ihm gepresst, ehe er sich scheinbar wieder zum Gehen wandte.
Sie atmete schon erleichtert durch, doch da wirbelte er plötzlich ruckartig herum, schritt bedrohlich auf sie zu, packte sie grob am Arm und baute sich vor ihr auf.
"Hör auf mir immerzu ins Gesicht zu lügen!", brüllte er dann. "Du hast doch ständig Gehimnisse vor mir!"

Antwort/Erläuterungen:
In der ersten Szene regiert ER definitv nicht, wie ein typisch aufbrausender oder sonderlich wütender Mann. Genau das hat SIE ihrer Freundin jedoch gerade über ihn erzählt, flüsternd, also aus Angst, er könne sie sonst hören. Da sich aber nichts ihrer Worte, weder im Verhalten noch Ton ihres Mannes wiederspiegelt, erscheint SIE plötzlich sowohl ihrer Freundin, als auch dem Leser gegenüber nicht mehr sonderlich vertrauenswürdig. Auch der Spannungsbogen zwischen SEINEM "Eintreffen in der Küche, bis zum Abgang" fällt dementsprechend flach und schnell wieder ab. Der Höhepunkt fehlt völlig.

In der zweiten Szene hingegen reagiert ER genau so, wie SIE ihn ihrer Freundin beschrieben hat. Was ihre ehrliche Skepsis und ihr Verhalten deutlich bestätigt. An der etwas anderen Art, wie sie ihm antwortet, spürt man hinzu auch die Anspannung mehr, bis auch schon SEINE "aufbrausende Reaktion" folgt. Hier wird der Spannungsbogen sogar ganz bewusst, wenngleich nur kurz "gelockert" , ehe sich die Erleichterung auch schon wieder verflüchtigt, während sich die kurze Szene unaufhaltbar dem Höhepunkt nähert.




2. Durchgang:


° Satzbau (abwechslungsreich, fehlerfrei, verschachtelte Sätze)
° Füllwörter
° Verdoppelungen
° Häufungen von Adjektiven oder/und Adverbien
° Nicht passende Behörden- oder Sachbuchsprache
° Richtige Anwendung der Erzählerperspektiven

° Fehlende Übergänge
° Erzählerisch, menschliche Logik und Spannung
° Lebendigkeit der Protagonisten
° Spanungsbogen und Dramaturgie-Kurven
° Richtige Anwendung der Zeitformen
° Aktive & passive Satzbildung / Wann passt Ersteres, wann Letzteres besser
und natürlich ...
° Rechtschreibung und Zeichensetzung.

–––––––––
Ein paar Erklärungen und Beispiele auch hierzu:

* Verschachtelte, lange Sätze:
Lange Sätze erschweren es dem Leser, den Sinn rasch zu erfassen. Besonders dann, wenn mehrere Nebensätze aneinandergereiht werden.
Oftmals lassen sich viele Informationen in zwei oder drei kurzen Sätzen wiedergeben und runden die Erzählung ab.

––––––––––
* Füllwörter:
Worte, die man streichen kann, ohne dass der Satz seinen Sinn verliert.
Es gibt keine fixe Regel.

Unser Tipp:
Der Autor kann selber ausprobieren, wie sich der Text verändert, wenn er probeweise mal versucht ein paar Füllwörter zu streichen.

Mutmaßliche-Füllworte, die den Text verständlicher und straffer, klarer und lesefreundlicher oder natürlicher gestalten, machen hingegen immer Sinn.
Alle anderen jedoch gehören weg.

Beispiele Füllwörter:
Sie beharrte sozusagen auf ihre Meinung, indem sie heftig aufbegehrte.
Er schlug vor, dass man doch ins Kino gehen könnte.

Oder statt: In Erwägung ziehenerwägen

Statt: Dem Bedauern Ausdruck verleihenentschuldigen

Link: Texterkennung-Füllwörter

–––––––––
Verdoppelungen:
... sind unangenehm, weil sie die Texte unnötig aufblähen.


Beispiele, Verdoppelungen:
Der schwarze Rappe - das Wort Rappe beinhaltet bereits 'schwarz'

Kleine Maus - eine Maus ist für gewöhnlich schon "klein"

Das scharfe Messer- das Wort Messer als Waffe oder Hack- bzw. Schneidwerkzeug in der Küche, beschreibt das Ding im Ganzen. Also mit Griff samt Klinge. Es kann schlampig, billig oder edel verarbeitet, alt, neu oder besonders sauber bzw. als Ganzes verdreckt sein. Ist dieses allerdings als Ganzes scharf wäre das sowohl für einen mutmaßlichen Angreifer, als auch für die Küchenfee beim Kochen eher unvorteilhaft.
Die scharfe- oder stumpfe bzw. spitz zulaufende "Klinge" statt "Messer", ist da natürlich schon wieder etwas ganz anderes.


leise
flüstern- flüstern ist immer leise - also entfällt auch das.


* Satzbeispiele:
»Der rotbraungemusterte Hengst wieherte laut, anhaltend und lange – es war ein wunderschönes, ansehnliches Tier mit vielen großen und kleinen, auf ihm verteilten Flecken.«
Besser: Der rotbraune Schecke wieherte laut und anhaltend. Er war ein schönes Tier.

Die dunkle Nacht verschlang alles.
Besser: Die Nacht verschlang alles.

Erfahrungsgemäß ist die Nacht dunkel, also genügt das.

* Beispiele Handlungsverstärkend:
Die stürmische Nacht – die unheilvolle Nacht ... usw.

DAS ist in Ordnung, bläht den Satz nicht unnötig auf, sondern erzeugt Spannung.

* Adjektive und Adverbien

Hier der Unterschied:
Ein Adverb beschreibt die Art und Weise, wie etwas getan wird näher.
Ein Adjektiv bezieht sich auf das Subjekt eines Satzes und schreibt ihm eine Eigenschaft zu.

Link: Adverbien-Liste

–––––––––
* Aktive und passive Sätze:

Aktiv formulierte Sätze wirken direkt auf den Leser/Protagonisten ein. Der Leser erlebt sozusagen die "Emotion des Protagonisten selbst mit" der gerade handelt oder etwas bestimmtes fühlt.
Passiv formulierte Sätze hingegen, beschreiben nur, wie etwas auf einen Protagonisten einwirkt. Beziehen den Leser allerdings nie als ihm "Gleichgesteller" mit ein. Deshalb lösen solche Sätze auch keine "direkte, emotionale Reaktion" im Leser zum Protagonisten aus.

Hier ein erotisches Beispiel:
Passiv: "Er spürte den warmen Schauer, als seine Augen die sanfte Rundung ihrer Brüste unter der nachlässig geknöpften Bluse wahrnahmen."
Aktiv: "Er erschauderte warm, als seine Augen über die sanfte Rundung ihrer Brüste, unter der nachlässig geknöpften Bluse glitten.

Noch ein Beispiel:
Passiv: "Er spürte den heftigen Sturm, der ihm plötzlich um die Ohren schlug, als er den Strand entlang lief. Es fiel ihm bald schwer, sich noch auf den Beinen zu halten.
Aktiv: "Heftig schlug im der Sturm um die Ohren, als er den Strand entlang lief. Bald konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten."

Warum sollte man das Passiv vermeiden?
Sieht man sich die Beispielsätze an, kommt man schnell zu dem Punkt, das Passivsätze auch immer länger sind, da man sie oft mit „werden“ oder „sein“ bildet.
Außerdem werden sie in nicht ganz so kurzen Beispielsätzen komplizierter. Der Leser hat Mühe, dem Sinn des Satzes zu folgen. Passivsätze sind zudem unbestimmter und unpersönlich. Oft wird derjenige, der etwas tut, nicht genannt. Dies kann als besonderes Stilmittel absichtlich eingesetzt werden, um zum Beispiel einen Täter zu verschweigen, ansonsten sollte man solche Formulierungen jedoch vermeiden.
Passiva stellen nun mal kein wirkliches Geschehen dar, sondern wirken eher ängstlich. So als fürchtete man sich vor sich selbst und davor Gefühle oder bestimmte Handlungen beim Namen zu nennen.
–––––––––
"Es wird erzählt, dass die Vampiere angegriffen worden sind."

* Wer hat die Vampire angegriffen?
* Wer erzählt von diesem Ereignis?

Genau das ist es aber doch, was der Leser erfahren und auch am eigenen Leib spüren und fühlen will. Diese Spannung, diesen Konflikt?

–––––––––
"Eine rasche Rücknahme kann von Maria nicht erwartet werden."

Wie jetzt?
* Kann Maria eine rasche Rücknahme nicht erwarten?
* Oder kann man von Maria nicht erwarten, dass sie etwas rasch zurücknimmt?

Hier stiftet diese Schreibweise im Passiv also überhaupt nur Verwirrung beim Leser.



3. Durchgang:
Schließlich und endlich wird erneut alles überlesen, der Text durch ein Korrekturprogramm gejagt und nach Absprache mit dem Autor abgeschlossen.

Mit den besten Grüßen,
euer Lektoren-Duo Maria und Kristine

zuletzt bearbeitet 10.10.2018 21:11 | nach oben springen

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